Trauer

wie alles begann

2008 telefonierte ich mit einer Bekannten. Ihre Mutter war verstorben. Vor ihrem Tod hatte diese ausdrücklich gewünscht, dass KEIN Pfarrer die Beerdigung macht. So traf sich die Familie am Grab. Der Friedhofsmitarbeiter nahm die Urne und bettete diese in das Grab. Dann verbeugte er sich und ging. Die Tochter war nicht glücklich über diese Art der Beisetzung. Sie hätte sich ein paar tröstende Worte gewünscht und vielleicht ein Gebet.
Doch was sollte der Friedhofsmitarbeiter machen? Er kannte die Umstände nicht.
Wünschte sich die Familie ein Gebet oder stand die Familie der Religion grundsätzlich ablehnend gegenüber? War die Mutter schon lange krank oder ist sie ganz überraschend gestorben? Lebte die Familie in Harmonie oder brodelte hinter der Fassade ein Erbschaftsstreit?
Darum machte der Friedhofsmitarbeiter eigentlich alles richtig: er nahm die Urne und setzte sie würdig bei.
Doch bei der Tochter blieb ein dumpfes Gefühl zurück.
Auch bei mir breitete sich nach dem Telefonat Unbehagen aus.
Ich konnte sie ja verstehen. Ich konnte aber auch den Friedhofsmitarbeiter verstehen.
Am nächsten ging ich zum örtlichen Bestatter und fragte ihn, welche Möglichkeiten es für eine „nicht-religiöse“ Bestattungen gibt.
Er strahlte mich an und erzählte von der Möglichkeit, dass pensionierte evangelische Pastoren bereit sind für einen „kleinen“ Obulus eine Trauerfeier durchzuführen.
Ich hakte misstrauisch nach: „Aber die Trauerfeier wird dann mit christlichen Ritualen gestaltet?“
Für den Bestatter war das eine Selbstverständlichkeit.
Er verstand mein verdutztes Gesicht nicht.
Er verstand nicht, dass sich jemand eine „nicht-religiöse“ Beerdigung wünscht.

In den nächsten Tagen und Wochen recherchierte ich vor Ort und im Internet.
Dann kontaktierte ich eine Trauerrednerin und schließlich entwarf ich einen ansprechenden flyer.
Mit diesem flyer stellte ich mich bei einem Bestatter in Singen vor und drei Wochen später klingelte das Telefon. So begann meine Laufbahn als Trauerrednerin.

Heute bin ich froh, dass ich damals diesen Schritt gewagt habe.
1. ich habe meine eigene Angst vor dem Tod überwunden.
2. ich habe viele wunderbare Familien kennenlernen dürfen.
3. die Gespräche mit den Angehörigen geben den „reinen Daten aus dem Geschichtsunterricht“ Fleisch auf die Rippen. Ich habe Menschen kennengelernt, die den Fliegerangriff auf die Singener Bahnhofstrasse überlebt haben, aber ihre beste Freunde dort verloren. Ich habe Menschen kennengelernt, die im August 1989 alles Eigentum der DDR überließen und in die BRD übersiedelten. Ich habe Menschen kennengelernt, die vom 11.9.01 betroffen waren.

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