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Kurzschluss im Gehirn

Kurzschluss im Gehirn

Der Tod eines nahen Angehörigen oder Freundes verändert das Leben.
Der Tod hat Auswirkungen auf den Alltag und die eigene Persönlichkeit.
Je mehr Zeit man mit jemandem verbringt, desto mehr gemeinsame Muster entwickeln sich.
Verbindende Rituale entstehen, die beim Tod wegbrechen.
All diese verbindenden Gemeinsamkeiten hinterlassen Spuren im Gehirn.
Wiederkehrende Routine verstärken die Synapsen.
(Synapsen sind Verbindungsbrücken zwischen zwei Nervenzellen).
Je öfter wir etwas tun, desto stärker werden diese Brücken.

Im Alltag merken wir diese starken Synapsen bei Routinehandlungen.
Ein Kind muss etwa 1000 mal einen Knopf auf - und zumachen, bis es "automatisch" funktioniert.
Das Gleiche gilt fürs Radfahren, Zähneputzen, lesen, Sprachen-lernen.
Diese Synapsen bilden sich auch im Zusammenleben mit anderen Menschen.
Die tägliche Morgenroutine, die liebgewonnenen Begrüßungs- und Verabschiedungsrituale.

Stirbt nun ein Mensch, sind diese Synapsen im Gehirn noch da - aber sie sind quais abgerissen.
Elektrische Impulse laufen durch diese Verbindungsbrücken und werden doch nicht gebraucht.
Vergleichbar ist das mit den Phantomschmerzen nach einer Arm- oder Beinamputation.
Für das Gehirn entsteht ganz realer körperlicher Stress.
Das Alte gibt es nicht mehr. Neues gibt es noch nicht.
Nun braucht es vor allem Zeit. Damit die entstandenen Wunden heilen können.
Es ist normal, dass Tränen fließen, auch wenn man gar nicht an den Verstorbenen denkt.
Dass man den Verstorbenen sieht, hört oder riecht.
Das Gehirn versucht verzweifelt, den gewohnten Zustand wieder herzustellen.
Notfalls auch mit gespeicherten Erinnerungen.

Hilfreich ist in dieser Zeit, es einfach langsam angehen zu lassen.
Sich selbst nicht zu überfordern. Und neue Rituale auszuprobieren.
Wie möchte ich morgens aufstehen?
Was tut mir gut?
Was passt zu mir?

Diese Synapsen entstehen übrigens auch mit Menschen, die man nicht mag.
Da stirbt der verhasste Ehemann nach über 30 Jahre Ehe.
Ein Leben lang haben sich die Eltern gestritten.
Aus Vernunftgründen blieben sie zusammen.
Den Kindern zuliebe oder aus Angst vor finanziellem Verlust.
Jetzt ist der Vater gestorben und die Mutter könnte endlich aufleben.
Statt dessen fällt sie in tiefe Trauer und sehnt sich nach "früher" zurück.
Für (erwachsene) Kinder ist das gar nicht so einfach zu verstehen.

Das Heilmittel lautet: reden, reden, reden. Und Zeit.

Irgendwann sind die ungenutzten Synapsen abgebaut. Und neue aufgebaut.
Nach etwa 1000 Wiederholungen. So wie beim Knöpfeöffnen und -schließen.
Oder beim Flötespielen, wenn man beim Anblick einer Note nicht mehr darüber nachdenken muss,
welcher Finger auf welches Loch gelegt werden muss.

Lassen Sie sich Zeit.
Retten sie Liebgewordenes in ihr jetziges Leben.
Mit neuen Ritualen und durch die Unterstützung ihrer Mitmenschen.

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